Post N°9 aus Bali

Hallo Lieblingsmenschen,

 

in der Ferne. Wie geht es Euch und Euren Lieblingmenschen? Wir hoffen gut!

Es ist trist hier in unserem Paradies. So solitär. Die Leichtigkeit ist weg. Warum sind wir hier und nicht da? Alleine blühen. Es ist okay. Hier. Jetzt. In Bali. Gemeinsam. Wir Zweibeiner. Mit Tieren. 1. April 2020.

Wer hätte das gedacht.
Bali war manchmal Hölle. Brutal. Abartig. Verrückt. Maßlos. Voll. Schön!
Nun ist es wieder das ursprüngliche, einsame Paradies von früher. Nur im fürchterlichen Schatten von Corona, der sich nicht über Corona Fallzahlen darstellt, sondern für jeden sichtbar ist, durch die leerstehenden Hotels, Restaurants und Geschäften.


Betrachtet diese Post bitte nicht als Verharmlosung, nicht als Besserwisserei, nicht als Spöttelei. Denn wir wissen nicht, ob es Fluch oder Segen ist, hier auf unserer Arche Bali zu sein. Im Moment, jetzt gerade, ist es gefühlt ein Segen.
Wir beschreiben Euch einfach unsere erlebten Gefühle hier, jetzt. In Zeiten von Corona. Gedanken wie diese:


Wir sind hier, weil wir damals Mut hatten, eine Weile Distanz zu unserem gewohnten Leben zu nehmen. Haben wir uns, in dem wir abgehauen sind, etwa unbewusst auch in Selbst Quarantäne gesetzt - für mehr WIR, mehr Gefühl, mehr ErLeben, mehr Jetzt?!
Vielleicht können wir Euch mit diesen Worten wenigstens einen Hoffnungsschimmer und ein sanftes Lächeln schenken? Quasi als Eure spirituellen Auslandskorrespondenten.


Wir glauben, wir sollen hier sein. Vielleicht werden wir aber nie wissen, warum. Es ist, wie es ist und vor allem - es ist okay.


Dass die Welt und vor allem auch unser Zuhause Deutschland nun so erkrankt ist, macht uns zunehmend Sorge und sehr traurig. Es gibt täglich eine Stimme in uns, die panisch wird. Ich bin in unserer kleinen Reisegruppe auch nach wie vor der größte Angsthase. Dann google ich nach Antworten, verzweifele an den Fakten, melde uns bei der Deutschen Botschaft als offizielle Auslandsdeutsche, storniere unsere komplette Java Reise, checke die Flughäfen, den Kühlschrank und die Wasservorräte, trinke hektisch warmen Tee, wasche schon wieder die Hände, verwechsele zu jedermanns Entsetzen die Masken, lache hysterisch über jeden Klopapier Witz, erschrecke, wenn ich doch mal den Finger in der Nase habe oder müde meine Augen reibe. Die Kinder sind unser Vorbild, sie stellen klare Fragen, sind dann kurz still und haben Corona im nächsten Moment auch schon wieder vergessen. Ente ist, wie immer, der Fels in der Brandung, um den ich Angsthase manchmal nervig herumspringe. Dann nimmt er einen sehr großen Schluck Bier und schickt mich zum Schreiben oder zur Katze Femi. Sanft zu bleiben in harten Zeiten, das ist die Kür.

 

Und die Indonesier? Viele sind in ihre Heimatdörfer zurückgezogen. Einige harren der Dinge, sind ihre Arbeit los und damit mittellos. Keiner fragt den Staat um Hilfe, weil der Staat nicht helfen kann. Weder bei Corona, Erdbeben oder Vulkanausbruch. Und trotzdem, neulich tröstete mich ein balinesischer Strandbarbesitzer, dass ich nicht so traurig schauen sollte, alles wird gut.

 

Dann war vergangenen Mittwoch der Tag der Stille hier, Nyepi. Im Hinduismus der Beginn des Neuen Jahres. Es fährt kein einziges Fahrzeug auf den Straßen. Es werden keine Fußgänger auf den Straßen oder an den Stränden geduldet. Eine große Stille liegt über der gesamten Insel, am Abend und in der Nacht darf kein Licht brennen.
Der tiefere Sinn vom jährlichen Nyepi hier ist ein Neuanfang in möglichst großer Reinheit. Scheinbar ist 2020 ein World Nyepi.
Auch wir haben die Lichter am Abend ausgeschaltet. Es war stockduster und im ersten Moment gespenstisch, besonders in diesen Zeiten. Dann aber war es so, als ob wir die eingesparte Energie dem Universum schenkten. Die Milchstraße war direkt über uns, so nah wie nie zuvor. Da meinte Made Le: Die Sterne sind die Toten und Außerirdische und Götter. Und wirklich, sie funkelten, strahlten und zwinkerten uns an. So, als ob sie uns sagen wollten, dass das Beste noch vor uns liegt.
Magisch.


Allerdings fanden die Bestimmer von Bali es dieses Jahr so besonders magisch, dass sie am Tag danach gleich nochmal eine Nyepi für alle veranschlagten. Unerwartet. Bums. Alles zu. Shutdown. Das Wort des Jahres. Nyepi klingt sanfter.
Für einen langen Tag wussten wir plötzlich, wie Ihr Euch fühlen müsst.


Baliballaballa: Es gab einen offiziellen Brief dazu auf einer offiziellen Seite, der wir folgen, aber viel, viel zu spät, mit der höflichen Bitte, noch einen weiteren Tag zu Hause zu bleiben. Aus Angst vor den Dämonen gehorchten die Einheimischen. Es braucht kein #staythefuckhome Gebrülle, wenn das Volk an etwas Höheres glaubt und schon häufig Katastrophen erleben musste.


Am nächsten Tag war wieder ganz normaler Ausgang erlaubt, dafür irritierte das große Polizei Aufgebot und die Wasserwerfer, die die Straßen desinfizierten. Hätten die das nicht gestern machen können, als alle zu Hause waren?!
Wie die Regierung hier mit der Pandemie umgeht ist fragwürdig. Silly. Heute Strand zu, morgen wieder auf.
Regelmäßig beobachten wir den Corona Live Ticker, der seit Tagen 19 Fälle meldet. Neunzehn. Schwer zu glauben.
Deshalb haben wir, Achtung, Achtung, recherchiert. Also Ente, nicht ich - Zahlen, die eigentlich beweisen, dass sich die Gesellschaft hier hoffentlich, möglicherweise, eventuell, vielleicht, bitte! - gegenseitig immunisiert. 


Am 25.1.2020 war Chinese New Year, als Corona in Wuhan anfing, zu wüten. Bali hatte zu dem Zeitpunkt 130000 Chinesen, die Chinese New Year hier feierten plus die durchschnittlichen 450000 Touristen pro Monat aus aller Welt. Erst am 7.2.2020 schließt Indonesien für China, Italien, Südkorea und Iraner die Grenzen.
Getestet wird erst seit ungefähr zwei Wochen. 19 Fälle. Und plötzlich werden Fakten und Zahlen überflüssig und man ist gezwungen, seinen logischen Menschenverstand einzuschalten. Wenn dann noch die eigentlichen Führer in Bali nicht wirklich führen, dann ist der innere Kompass erst recht gefragt, dann müssen wir uns selber intuitiv führen.


Balis Regierung in diesen Zeiten ist ein Haufen liebenswerter, lächelnder Pinocchios - ich darf das sagen, als Indonesierin - die versuchen, die Balance zu halten, zwischen Touristen, Einheimischen, Regierung, WHO und Götter. Um des Friedens Willens. Ohne ihr Gesicht dabei zu verlieren. Kein leichter Job, aber darum geht es hier. Frieden und Balance.


Klar, könnten wir unserer eigenen panischen Stimme folgen und schnell die Insel verlassen. Nach Deutschland, wegen der besseren medizinischen Versorgung. Macht Sinn. Aber es gibt in uns auch eine starke Stimme die sagt: Bleibt da. Es ist okay. Hier. Jetzt.


Und in diesem Moment ist Toleranz gefragt. Toleranz denen gegenüber, die Angst haben, Toleranz denen gegenüber, die mutig sind, Toleranz denen gegenüber, die Klopapier kaufen, Toleranz denen gegenüber, die Masken tragen, die keine Masken tragen, Toleranz denen gegenüber, die kritisch sind, Toleranz denen gegenüber, die lieber schweigen, Toleranz gegenüber den Entscheidern, die entschieden entscheiden müssen, Toleranz gegenüber anderen Meinungen als die deine, Toleranz denen gegenüber die, die testen, testen, testen und die, die nicht testen – Punkt. Toleranz gegenüber Jung und Alt... wir brauchen alle und alles. Yin und Yang. Und wer weiß schon, was richtig und falsch ist.


Vielleicht hat uns das Universum Corona wirklich geschickt, um endlich aufzuwachen, jetzt. Viel schlimmer ist eigentlich, dass wir uns auf der Jagd nach dem Virus bekriegen. War - made by people.
Obacht. Mensch. Verflixt.


Wir vier hier, versuchen seitdem wir in Bali sind, Tag für Tag, nett zueinander zu sein, eng sind wir geworden, dankbarer, demütiger, weicher. Wir versuchen weniger zu entscheiden, weniger zu kontrollieren und mehr zu vertrauen. Und immer noch ist es manchmal einfacher gesagt als getan. Bali ist uns ein guter Guru. Tag für Tag. Jetzt.


Um ehrlich zu sein, fällt es uns in der momentanen Situation leider immer schwerer vorzustellen, wie es sein wird, wieder in Deutschland zu sein. Wir hätten Lust, hierzubleiben und mit den Guten, die noch hier sind, ein neues, grünes Bali zu gestalten. Wenn nicht jetzt, wann dann...


Es gibt sie aber noch, Gründe, warum wir das nicht tun. Einer der Gründe seid Ihr.
Also bitte bleibt alle gesund und vor allem gut drauf, positiv, kritisch, mutig und friedlich. Wir zählen auf Euch und hoffen, dass wir wie geplant, Mitte August, Euch alle wieder in die Arme schließen können.


Danke auch für die vielen, lieb gemeinten Ratschläge, die Ermutigungen und guten Vibes, die es braucht. Jetzt.

D*E*T*L


Corona stimmung in bali